Kaffeemarkt: Was geschah letzte Woche – und wohin geht die Reise?
Von Philip von der Goltz
Die vergangene Börsenwoche erinnerte ein wenig an den Rückflug aus dem Sommerurlaub.
Ausgeschlafen, gut erholt und noch leicht gebräunt sitzt man im Flugzeug. In Gedanken liegt man am Strand, hört das Meer rauschen – und kaum beginnt die vertraute Vorführung mit Rettungsweste und Notausgängen, schaltet man innerlich bereits wieder ab.
Dann kommen die Turbulenzen.
Plötzlich wird einem bewusst, dass man nicht mehr am Strand liegt, sondern in einer dünnen Blechhülle knapp 10.000 Meter über dem Meer schwebt.
So ähnlich fühlten sich in der vergangenen Woche auch die Märkte an. Nach einigen vergleichsweise ruhigen Tagen wurden wir unsanft daran erinnert, wie fragil die Weltlage weiterhin ist.
Die großen geopolitischen Konflikte bleiben ungelöst. Gespräche finden statt, doch Lösungen scheinen noch weit entfernt. Zugleich bleiben wichtige Nadelöhre des Welthandels – die Straße von Hormus, das Rote Meer und der Suezkanal – riskant. Reedereien und Händler reagieren darauf mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Lieferketten werden umgebaut, Routen verlagert und Risiken neu bewertet.
Dabei entstehen sogar neue Handelswege. China und Russland arbeiten daran, die Arktis als alternative Route zwischen Asien und Europa zu etablieren. Was lange wie eine logistische Randnotiz wirkte, könnte zu einem weiteren Baustein einer sich neu ordnenden Weltwirtschaft werden.
Doch geopolitische Risiken sind nur eine Seite der Geschichte. Die andere ist das Klima.
Die Auswirkungen des seit Monaten prognostizierten starken El-Niño-Ereignisses scheinen zunehmend sichtbar zu werden. In Indonesien zeichnet sich eine ungewöhnlich lange Trockenperiode ab. In China mussten Hunderttausende Menschen vor dem Taifun „Dolphin" in Sicherheit gebracht werden. Auf den Philippinen forderten tagelange Regenfälle zahlreiche Todesopfer.
Europa erlebt unterdessen eine Hitzewelle nach der nächsten. Waldbrände in Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Griechenland zerstören große Flächen. Gleichzeitig führen niedrige Wasserstände auf dem Rhein und anderen europäischen Wasserstraßen zu erheblichen Einschränkungen der Schifffahrt. Transporte müssen auf Bahn und Lkw verlagert werden – sofern dort überhaupt noch Kapazitäten verfügbar sind. Auch in Kanada und den USA wüten schwere Waldbrände. Zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen.
All diese Ereignisse haben eines gemeinsam: Sie verursachen nicht nur menschliches Leid. Sie treffen auch die wirtschaftliche Infrastruktur. Transporte dauern länger, Versicherungen werden teurer, Lieferketten verlieren an Effizienz und Unternehmen müssen zusätzliche Sicherheitsbestände aufbauen. Der Klimawandel ist damit längst nicht mehr nur ein ökologisches Thema. Er wird zu einem der größten Kosten- und Risikofaktoren der Weltwirtschaft.
Währenddessen versuchen Diktatoren, Autokraten und selbst ernannte starke Männer, mit politischen Vorstellungen aus dem vergangenen Jahrhundert eine neue – oder eher alte – Weltordnung zu errichten. Dabei übersehen sie eine ziemlich simple Wahrheit: Ob wir es mögen oder nicht, wir sitzen alle im selben Flugzeug.
Aber genug der sommerlichen Weltbetrachtung. Kehren wir zurück in die Kaffeerealität.
Was bedeutet das für den Kaffeemarkt?
Die Bestände in den Konsumländern werden immer dünner. Gleichzeitig nähert sich die brasilianische Ernte ihrem Ende – doch die Kaffees gelangen nur langsam von den Farmen über Santos in die Lagerhäuser der Röster. Das erhöht den Druck auf kurzfristig verfügbare Spotpositionen.
Und genau hier liegt derzeit der entscheidende Unterschied: Kaffee kann knapp verfügbar sein, ohne tatsächlich knapp zu sein.
Brasilien fährt eine sehr große, möglicherweise rekordhohe Ernte ein. Daran ändern auch die Verzögerungen nichts. Die starken Regenfälle haben die Ernte verlangsamt und insbesondere im Specialty-Segment Fragen hinsichtlich Trocknung und Qualität aufgeworfen. Die Mengen aber sind vorhanden. Gegen Fakten lässt sich bekanntlich nur schwer argumentieren.
Es ist deshalb weniger eine Frage, ob sich die Lagerhäuser in den Konsumländern wieder füllen, sondern vielmehr, wann dies geschieht.
Das ist die zentrale Lehre der gegenwärtigen Marktsituation: Wir dürfen eine zeitweilige Verfügbarkeitsknappheit nicht automatisch mit einer strukturellen Angebotsknappheit verwechseln.
Hinzu kommt, dass viele brasilianische Kaffeefarmer nach mehr als drei Jahren hoher Preise finanziell vergleichsweise gut aufgestellt sind. Sie müssen ihren Kaffee nicht unmittelbar nach der Ernte verkaufen. Sie können warten – und genau das tun viele von ihnen.
Finanziell schwächere Farmer haben diese Freiheit nicht. Sie müssen ihre Ernte häufig sofort verkaufen, teilweise sogar bereits vor der Ernte. Die gegenwärtige Zurückhaltung brasilianischer Produzenten darf uns deshalb nicht täuschen: Nur weil Kaffee heute nicht angeboten wird, bedeutet das nicht, dass er nicht existiert.
Irgendwann wird dieser Kaffee auf den Markt kommen. Und dann werden nicht nur brasilianische Farmer verkaufen wollen, sondern auch Produzenten aus anderen Anbauländern. Das könnte den Druck auf die Kaffeepreise spürbar erhöhen.
Mögliche Auswirkungen eines starken El Niño werden wir dagegen – wenn überhaupt – voraussichtlich erst bei den Sommerernten 2027 und den Winterernten 2027/28 deutlicher erkennen. Der Markt handelt damit gegenwärtig mehrere Zeithorizonte gleichzeitig: knappe Spotverfügbarkeit heute, große brasilianische Mengen in den kommenden Monaten und mögliche Klimarisiken ab 2027. Kein Wunder also, dass die Turbulenzen zunehmen.
In den vergangenen sechs Wochen haben wir außergewöhnlich volatile Handelstage erlebt. Intraday-Bewegungen von 20 US-Cents pro Pfund sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Bei einem solchen Markt reicht eine Schlagzeile, eine Wetterprognose oder eine größere Order, um die Anschnallzeichen wieder aufleuchten zu lassen. Was heißt das konkret für den Einkauf?
Für Kaffeeröster empfiehlt es sich, den Markt in drei Zeithorizonte zu unterteilen:
- Kurzfristig: Spotkaffees und unmittelbar benötigte Mengen bleiben knapp und teuer. Hier sollte die Versorgungssicherheit Vorrang vor der Hoffnung auf den perfekten Preis haben.
- Mittelfristig: Die brasilianische Ernte ist vorhanden und wird nach und nach in die Konsumländer gelangen. Wer zeitlich flexibel ist, sollte nicht jede kurzfristige Verknappung als Beleg für dauerhaft steigende Preise interpretieren.
- Langfristig: Die möglichen Folgen von El Niño und des Klimawandels bleiben real. Für die Ernten 2027 und 2027/28 sollten Risiken deshalb frühzeitig beobachtet und schrittweise abgesichert werden.
Die sinnvollste Strategie bleibt damit eine gestaffelte Beschaffung: ausreichend Deckung für den unmittelbaren Bedarf, Flexibilität für die kommenden Monate und ein wachsames Auge auf die klimatischen Risiken der nächsten Erntezyklen.
An der Börse selbst blieben die sichtbaren Folgen der Turbulenzen am Ende erstaunlich überschaubar. Arabica in New York verabschiedete sich im Wochenvergleich mit einem leichten Plus von rund einem Prozent und einem Schlusskurs von 335,55 US-Cents pro Pfund ins Wochenende. Auch Robusta in London zeigte sich von den zahlreichen Risiken weitgehend unbeeindruckt. Der Spotmonat September 2026 gewann am Freitag 0,1 Prozent und beendete die Woche bei 3.787 US-Dollar je Tonne.
Das Flugzeug wackelt also kräftig. Aber bislang hält es seinen Kurs.
In der folgenden Tabelle findet ihr wie gewohnt die wichtigsten Marktdaten. Wir aktualisieren sie wöchentlich:

Neuigkeiten aus den Ursprungsländern: Zentralamerika
Nicaraguas Präsident Daniel Ortega, der seit 2007 im Amt ist, hat öffentlich angekündigt, künftig keine Wahlen mehr abhalten zu wollen. Damit soll verhindert werden, dass die Opposition an die Macht kommt. Eigentlich sollten im kommenden Jahr Wahlen stattfinden. Ortega ließ jedoch offen, ob diese vollständig abgesagt oder lediglich die Oppositionsparteien von einer Teilnahme ausgeschlossen werden sollen.
Apropos „ungewöhnliche" Wahlverfahren: El Salvadors Präsident Nayib Bukele hat angekündigt, für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen. Die Präsidentschaftswahlen sollen im Februar 2027 stattfinden.
Von der Politik zur Natur: In Costa Rica wurde kürzlich eine neue Froschart entdeckt. Sie erhielt den Spitznamen „Kaffeefrosch" – nicht etwa, weil sie sich von Kaffeekirschen ernährt, sondern weil der winzige, nachtaktive Frosch Kaffeeplantagen als Lebensraum zu bevorzugen scheint. Entdeckt wurde er in Tarrazú, wo er zwischen den Kaffeehängen des Hochlands Schutz findet.
Quelle: Ezequiel Becerra / AFP
Unterdessen ist in Guatemala der Volcán de Fuego ausgebrochen, rund 16 Kilometer westlich von Antigua. Mehrere Ortschaften wurden evakuiert. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Auch unsere Lieferanten vor Ort berichten, dass sie in Sicherheit sind.
Was das Wetter betrifft, halten die Regenfälle in der gesamten Region an. Diese Niederschläge sind für eine optimale Entwicklung der kommenden Ernte von entscheidender Bedeutung.
In Honduras meldet IHCAFE mit Stand Juli 2026 eine Gesamtproduktion von 5,7 Millionen Sack à 60 Kilogramm. Das entspricht einem Anstieg von 16 Prozent gegenüber der Ernte 2024/25. Aufgrund des zweijährigen Produktionszyklus der Kaffeepflanze wird für 2026/27 jedoch eine kleinere Ernte erwartet. Angebote sind äußerst begrenzt, und die wenigen verfügbaren Kaffees sind stark nachgefragt.
Im benachbarten Nicaragua ist die laufende Ernte nahezu vollständig ausverkauft. In den tiefer gelegenen Anbaugebieten ist die Entwicklung der neuen Ernte bereits zu beobachten. Daher wird mit einem früheren Beginn der Erntesaison gerechnet.
Angesichts der anhaltend hohen Marktvolatilität bleiben die Marktteilnehmer vorsichtig.
An der Logistikfront gibt es keine neuen Entwicklungen.



































Urs zusammen mit Niklas, unserem Head of Spot Sales, auf dem Swiss Coffee festival 2025.
























Training zum Stumping und Kompostieren


































Nicht-EU-Markt (Kaffee-Ursprungsländer):






















