Von Philip von der Goltz
Die vergangenen Wochen und Monate haben sich schwer angefühlt. Die globalen Nachrichten kreisen weiterhin um Kriege – in der Ukraine, in Gaza, im Iran und im Sudan – und um die verheerenden Folgen für die betroffenen Menschen und letztlich für die Weltwirtschaft insgesamt. Die Kämpfe mögen gelegentlich pausieren; die Konflikte selbst leider nicht.
Und genau deshalb möchte ich heute den Blick bewusst verschieben. Weg von hektischen Schlagzeilen und permanenten „Breaking News"-Meldungen. Halten wir inne und stellen eine größere Frage – eine kaffeekritische Frage:
Woraus setzt sich der Kaffeepreis eigentlich zusammen?
Diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten, wie man denkt. Die Antwort liegt in nichts Geringerem als im menschlichen Verhalten und den mentalen Denkmustern, die wir alle miteinander teilen. Der menschliche Instinkt nach Sicherheit und Orientierung verführt uns immer wieder in dieselbe Falle: die ständige Suche nach mehr Information.
Eine weitere Schlagzeile. Ein weiterer Bericht. Ein weiterer Marktkommentar. Das ist es, was wir zu brauchen glauben.
Das ist zutiefst menschlich. Die Evolution hat unser Gehirn darauf trainiert, Unsicherheiten frühzeitig zu erkennen und Risiken kontinuierlich neu zu bewerten. Wer früher bemerkte, dass hinter dem nächsten Hügel doch noch ein Säbelzahntiger lauern könnte, hatte schlicht bessere Überlebenschancen.
Doch in der heutigen Hyperwelt voller Breaking News und Social-Media-Blitzmeldungen schafft mehr Information nicht automatisch mehr Klarheit.
Charlie Munger hat einmal gesagt:
„Der große Trick besteht nicht darin, besonders klug zu sein – sondern darin, konsequent zu vermeiden, dumm zu handeln."
Im Kaffeehandel steckt in diesem Satz eine überraschend große Wahrheit.
Wo beginnt also eine sinnvolle Marktanalyse?
Wer auf die Arabica- und Robusta-Börsen blickt, sollte sich von der Vorstellung einer perfekten mathematischen Formel verabschieden. Kaffee ist kein steriles Laborexperiment. Kaffee ist Biologie, Geopolitik, Psychologie, Logistik, Wetter, Währungssystem und menschliches Verhalten – alles zur gleichen Zeit.
Was wir jedoch tun können: wir können die Preisstruktur in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen.
Zu den wichtigsten Einflussfaktoren gehören:
• die physische Verfügbarkeit,
• die Struktur der Terminmärkte,
• Differentials,
• Währungen,
• Wetter- und Klimaeinflüsse,
• Managed Money und spekulative Marktteilnehmer,
• Fracht- und Logistikkosten,
• geopolitische Risiken,
• Konsumentennachfrage
• sowie die globale Lagerreichweite.
Erst das Zusammenspiel all dieser Faktoren bestimmt letztlich den Kaffeepreis. Betrachten wir den Markt daher etwas systematischer.
Beginnen wir mit der physischen Verfügbarkeit.
In den vergangenen Monaten haben große Banken, internationale Brokerhäuser und lokale Exportorganisationen zunehmend – und nahezu einstimmig – auf eine große brasilianische Ernte hingewiesen. Gleichzeitig haben auch andere Ursprungsländer wie Vietnam, Äthiopien und Uganda bereits starke Ernten eingefahren.
Die ökonomische Logik dahinter ist vergleichsweise simpel: Hohe Preise schaffen Anreize. Produzenten investieren mehr, intensivieren das Farmmanagement und erweitern ihre Anbauflächen.
Unsere aktuelle Schätzung zur globalen Kaffeeproduktion:
Besonders interessant wird der Vergleich mit der Nachfrage. Der weltweite Konsum liegt derzeit bei rund 175 Millionen Sack und damit knapp 10 Millionen Sack unter der geschätzten Produktion. Rein mathematisch betrachtet müssten sich die globalen Lagerbestände im Verlauf der zweiten Jahreshälfte daher wieder etwas aufbauen.
Auch die Terminmärkte in New York und London spiegeln diese Erwartung zunehmend wider.

1-Year Chart Arabica

1-Year Chart Robusta
Seit den Höchstständen im Oktober vergangenen Jahres haben beide Märkte um mehr als 20 % korrigiert. Historisch betrachtet notieren sowohl Arabica als auch Robusta jedoch weiterhin auf außergewöhnlich hohen Preisniveaus – teilweise noch immer nahezu 100 % über ihren langfristigen Durchschnittswerten.
Gleichzeitig bleibt die Terminmarktstruktur stark invertiert. Genau diese Inversion verhindert aktuell den Aufbau größerer Lagerbestände in den Konsumländern. Wer Kaffee auf hohen Preisniveaus finanzieren muss, lagert nur ungern „zu viel Hoffnung" im Warehouse ein.
Differentials: festere Tendenz trotz fallender Börsen
Besonders spannend bleibt derzeit die Entwicklung der Differentials.
Brasilianische Produzenten stehen momentan unter vergleichsweise geringem Verkaufsdruck. Entsprechend fühlt sich der physische Markt in vielen Regionen weiterhin überraschend knapp an. Gleichzeitig hat sich die Nachfrage nach kurzfristig verfügbaren Brasilien-Alternativen weltweit verstärkt – und genau das spiegelt sich in den Differentials wider.
Anders formuliert:
Die Börse wirkt bearish. Der physische Markt dagegen zeigt sich vielerorts erstaunlich robust.
Auch das gehört zur Realität des Kaffeemarktes.
Und was machen die Fonds?
Nachdem Fonds und spekulative Marktteilnehmer im ersten Quartal einen Teil ihrer Long-Positionen liquidiert und Gewinne mitgenommen haben, agieren sie inzwischen deutlich vorsichtiger. Die Positionierung bleibt zwar netto long, die Risikobereitschaft wirkt jedoch wesentlich defensiver.
Im Fokus stehen derzeit vor allem zwei Themen:
• die tatsächliche Größe der brasilianischen Ernte,
• sowie die geopolitische Lage im Nahen Osten.
Beide Faktoren könnten die Marktstimmung jederzeit wieder deutlich verändern.
Wetter bleibt der große Unsicherheitsfaktor
Die globale Wetterentwicklung bleibt weiterhin von zentraler Bedeutung.
Phänomene wie El Niño und La Niña beeinflussen Niederschlagsmuster massiv und können Blüte, Kirschenentwicklung und Erträge erheblich verändern. In diesem Jahr verdichten sich die Hinweise auf ein mögliches El-Niño-Szenario zunehmend. Erste Modelle diskutieren bereits potenzielle Auswirkungen für Brasilien und Kolumbien.
Wie stark diese Effekte letztlich tatsächlich ausfallen werden, kann heute kein seriöser Analyst verlässlich prognostizieren.
Und genau das ist der Punkt:
Die Zukunft wird selten vollständig berechenbar – Risiken lassen sich dennoch strukturiert analysieren.
Logistik: der oft unterschätzte Preistreiber
Auch die globalen Fracht- und Logistikmärkte stehen weiterhin erheblich unter Druck.
Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten treiben Frachtraten nach oben und verlangsamen insbesondere Verschiffungen aus Ostafrika deutlich. Containerknappheit im Inland bleibt vielerorts bestehen, Reedereien verändern fortlaufend ihre Fahrpläne und globale Lieferketten werden zunehmend unberechenbar.
Hinzu kommt die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus. Steigende Energiepreise verteuern nicht nur Seefracht, sondern auch Inlandstransporte, Düngemittel und Energiekosten in den Ursprungsländern.
Mittelfristig entsteht dadurch ein klar inflationäres Umfeld.
Und genau dort beginnt die nächste Herausforderung: der Konsument.
Was passiert mit der Nachfrage?
Verbraucher in Nordamerika, Europa und vielen anderen Regionen der Welt stehen bereits heute unter erheblichem finanziellen Druck. Energie-, Lebensmittel- und Finanzierungskosten bleiben hoch. Viele Haushalte priorisieren ihre Ausgaben zunehmend neu.
Die gute Nachricht für unsere Branche: Kaffee wird weiterhin konsumiert.
Historisch betrachtet verschiebt sich der Konsum in solchen Phasen jedoch häufig innerhalb der Kategorien. Klassische Markenprogramme geraten stärker unter Druck und wandern teilweise in Discount-Kanäle ab, während Premiumsegmente sich oft überraschend stabil zeigen. Kaffee ist eben nicht nur ein Getränk. Für viele Menschen ist Kaffee ein kleines Stück Ritual, Normalität und Verlässlichkeit in einer zunehmend instabilen Welt.
Lagerbestände bleiben „luftig"
Die invertierte Marktstruktur verhindert weiterhin den Aufbau großer Lagerbestände bei vielen Händlern.
Gleichzeitig haben hohe Differentials zertifizierte Börsenbestände zuletzt zu einer attraktiven und vergleichsweise günstigen Bezugsquelle für industrielle Röster gemacht. Entsprechend sinken die zertifizierten Bestände weiter und bleiben historisch betrachtet auf relativ niedrigen Niveaus.
Was bedeutet das nun konkret?
Nachdem wir das aktuelle Marktumfeld nun etwas systematischer betrachtet haben, lassen sich daraus verschiedene Szenarien und Wahrscheinlichkeiten ableiten. Genau damit werden wir uns in einem der kommenden Blogs intensiver beschäftigen.
Für den Moment erscheinen mir jedoch folgende Punkte besonders wichtig:
Trotz weiterhin hoher Preisniveaus könnte die zunehmende Verfügbarkeit der brasilianischen Ernte spätestens ab Ende des dritten Quartals erneut Druck auf die Kaffeepreise ausüben.
Bis dahin erscheint es sinnvoll, Kernqualitäten diszipliniert und in vernünftigen Mengen abzusichern. Gleichzeitig dürfte die Volatilität hoch bleiben. Eine konsequente Hand-to-Mouth-Strategie wirkt aus heutiger Sicht daher weiterhin sinnvoll.
Besonders aufmerksam sollten wir jedoch zwei mögliche „Game Changer" beobachten:
• die weitere Entwicklung des Iran-Konflikts (Straße von Hormus),
• sowie die tatsächliche Intensität eines möglichen El-Niño-Ereignisses.
Beide Faktoren könnten die Marktstimmung relativ schnell verändern.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis überhaupt: Wir sollten unseren evolutionären Wunsch nach immer mehr Informationen nicht mit echter Orientierung verwechseln.
Erfolgreiche Marktteilnehmer versuchen nicht permanent, die Zukunft perfekt vorherzusagen. Stattdessen bewerten sie ihre aktuelle Position regelmäßig neu, analysieren die einzelnen Preisbestandteile möglichst objektiv – und handeln anschließend diszipliniert, strukturiert und risikobewusst.


























Urs zusammen mit Niklas, unserem Head of Spot Sales, auf dem Swiss Coffee festival 2025.

























Training zum Stumping und Kompostieren


































Nicht-EU-Markt (Kaffee-Ursprungsländer):






















