Wenn Märkte nervös werden: Wie man Denkfehler im Einkauf vermeidet
von Philip von der Goltz
Wenn ich in diesen Tagen die Nachrichten lese, wird mir bisweilen schwindelig.
Der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran. Putins anhaltender Krieg gegen die Ukraine. Der bewaffnete Konflikt im Südsudan. Chinas leise, strategische Sicherung des Zugangs zu globalen Rohstoffen. Und über all dem liegt das Gefühl, dass sich die geopolitische Balance der Welt in unvorhersehbarer Weise verschiebt – und zwar auf eine Art, wie wir sie vielleicht seit einem Jahrhundert nicht mehr erlebt haben.
Die Lage ist ernst. Und ihre Konsequenzen sind es auch.
Nehmen wir die Straße von Hormus. Was geschieht, wenn sie nicht rasch wieder geöffnet wird? Dort bleiben nicht nur Öltanker stecken. Auch Düngemittelströme verlangsamen sich. Das schafft weit mehr als nur ein logistisches Problem, denn die Natur gewährt keine geopolitische Schonfrist. Landwirte müssen ihre Felder rechtzeitig düngen. Pflanzen warten nicht auf diplomatische Lösungen. Der biologische Zyklus läuft weiter – unabhängig davon, ob die Düngemittel noch im Hafen festhängt oder nicht.
Und genau dort beginnt das eigentliche Problem: nicht bei der Unsicherheit selbst, sondern bei dem Wunsch, mehr zu wissen, um sich angemessen darauf vorbereiten und reagieren zu können.
In Momenten wie diesen wünsche ich mir manchmal eine Kristallkugel. Wie beruhigend wäre es doch, einer Zukunft gegenüberzustehen, die wir mit Sicherheit vorhersagen könnten. Doch alle Prognosen – auch jene, die mit Gewissheit die Zukunft vorhersagen wollen – haben bekanntlich eine Schwäche: sie überleben den ersten Kontakt mit Realität, Zufall und Friktion meist nicht lange.
Gerade in geopolitisch aufgeladenen Marktphasen können Denkfehler beinahe genauso gefährlich werden wie die Krise selbst.
Diese Denkfehler speisen sich aus einer Mischung von Selbstüberschätzung und monokausalem Denken. In der Praxis klingt das dann etwa so: „Hormus ist blockiert, also muss Kaffee steigen." Die Logik klingt sauber. Aber Märkte sind selten so einfach.
Ja, die Straße von Hormus ist für den globalen Energiemarkt von enormer Bedeutung. Und ja, Störungen dort beeinflussen Energiepreise, Inflation, Marktstimmung und mitunter auch Düngemittelströme. Aber Kaffee wird dadurch nicht automatisch bullish. Höhere Energiepreise können ebenso die Nachfrage dämpfen, Finanzierungskosten erhöhen und eine klassische Risk-off-Bewegung an den Märkten auslösen. Was auf der einen Seite preistreibend wirkt, kann auf der anderen Seite bremsen.
Wer diesen ersten Fehler aus Selbstüberschätzung und monokausalem Denken vermeidet, läuft oft direkt in den zweiten hinein: den Confirmation Bias.
Sobald jemand innerlich bullish oder bearish wird, beginnt das Auge zu filtern. Es sucht nach dem, was die eigene Sicht bestätigt. Die Bulls fokussieren sich auf steigende Frachtkosten, teurere Energie und drohende Verzögerungen. Die Bears richten ihren Blick auf schwächeres globales Wachstum, nachlassende Nachfrage und mögliche Fondsliquidationen. Beide Lesarten können einen wahren Kern haben. Genau darin liegt die Gefahr.
Ich kenne diesen Trick von langen Autofahrten mit meinen Kindern. Wir spielen dann „Wer zählt mehr blaue oder rote – oder welche Farbe auch immer – Autos?" Nach nur wenigen Minuten auf der Autobahn sehe ich fast nur noch die Fahrzeuge in meiner gewählten Farbe.
Kaffeemärkte bewegen sich nicht allein auf Basis von Daten, sondern auch auf Basis von Narrativen. Und ein geopolitischer Schock liefert fast immer eine starke Geschichte. Das Problem mit starken Geschichten ist, dass sie leisere, aber ebenso relevante Gegenkräfte übertönen: vielversprechende Ernteerwartungen, schwächere Nachfrage, Risiken, die der Markt bereits eingepreist hat, oder veränderte Lagerdynamiken.
Damit kommen wir zum dritten Denkfehler: Availability und Recency Bias. Unser Verstand neigt dazu, naheliegende Probleme überzubewerten. Je nachdem, ob man bullish oder bearish gestimmt ist, verarbeitet man Informationen als Hinweise auf Überfluss oder Knappheit im Angebot.
Die größte Schlagzeile des Moments erscheint dann schnell auch als der wichtigste Preistreiber. Doch Präsenz ist nicht dasselbe wie Relevanz. Eine geopolitische Eskalation kann die Stimmung an den Arabica- und Robusta-Märkten kurzfristig dominieren. Mittelfristig jedoch, so meine Erfahrung, gewinnen oft die üblichen Kräfte wieder die Oberhand: das Wetter in Brasilien, die Exportströme aus Vietnam, die Entwicklung zertifizierter Lagerbestände, Spreads oder eine nachlassende globale Nachfrage. Der lauteste Impuls ist nicht immer der verlässlichste.
Was bedeutet das also ganz praktisch für den Kaffeemarkt?
Die ehrliche Antwort lautet: wir sollten vorsichtig sein, einen Schock mit einem nachhaltigen Trend zu verwechseln. Genau deshalb lohnt es sich, nicht reflexhaft auf Schlagzeilen zu reagieren. Sinnvoller ist es, Preisbewegungen in ihre einzelnen Komponenten zu zerlegen.
In der vergangenen Woche fielen die Arabica-Preise in New York um 3,6 % und schlossen am Freitag bei 289,30 c/lb. Trotz geopolitischer Spannungen und einer allgemein unsicheren Makrolage sucht der Markt weiterhin nach einer klaren Richtung – abseits einer Seitwärtsbewegung. Der kommende Montag ist First Notice Day. In den nächsten Tagen dürfte sich das Rollen von Futures-Positionen von KCK26 in KCN26 (oder andere Monate) fortsetzen.
In London verhielt sich der Markt leicht konträr. Trotz kleinerer Gewinne im Wochenverlauf (+1,9 %) bleibt jedoch der gemeinsame Nenner beider Kaffeemärkte konstant: die Seitwärtsbewegung. Die Preise schlossen am Freitag bei 3.388 USD/MT.
Was können Röster also in Zeiten von Volatilität und Unsicherheit tun, nachdem klar geworden ist, dass die Kristallkugel uns nicht retten wird? Wie lassen sich Denkfehler möglichst vermeiden?
Eine sehr praktische Anti-Bias-Methode ist die Staffelung. Diese vergleichsweise einfache Praxis dient vielen Einkäufern besser als reine Spekulation und die Hoffnung, den Markt auszutricksen. Wer gestaffelt kauft, ersetzt die Illusion des perfekten Timings durch Disziplin.
Andere erfolgreiche Einkäufer verfolgen einen hoch disziplinierten Ansatz bei der Preis- und Mengenabsicherung. Gute Einkäufer handeln dabei nicht aus dem Bauch heraus. Sie agieren bei bestimmten Lagerreichweiten, an vorab definierten Preisniveaus oder in Verbindung mit klar festgelegten Nachfragefenstern. Das nimmt Emotionen aus der Entscheidung – und gerade in nervösen Marktphasen ist das von unschätzbarem Wert.
Darüber hinaus gewinnen Einkäufer wertvolle Erkenntnisse, wenn sie die einzelnen Preisfaktoren auseinandernehmen. Physische Verfügbarkeit, Terminmarkt, Differentiale, Währungen, Wetter, Fracht und Logistik, geopolitisches Risiko, Kundennachfrage und Lagerreichweite prägen die gesamte Angebots- und Nachfragestruktur von Kaffee – und bestimmen damit letztlich auch den Preis. Darauf werden wir im Newsletter der kommenden Woche noch näher eingehen.
Für den Moment zeigt die folgende Tabelle bereits einen Ausschnitt der wichtigsten Kaffeedaten. Wir aktualisieren sie wöchentlich:

Origin News: Was passiert derzeit in Mexiko und Zentralamerika?
In Zentralamerika und Mexiko wurde kürzlich die Semana Santa im März gefeiert. Neben ihrer religiösen Bedeutung nutzen viele Menschen diese Zeit, um während der warmen Sommertage der Region am Strand zu entspannen und neue Kraft zu tanken.
In Honduras wurden zuletzt vereinzelt Niederschläge gemeldet, die in tiefer gelegenen Anbaugebieten eine frühe Blüte ausgelöst haben. Nun sind regelmäßige Regenfälle erforderlich, damit die Blüte gut fixiert wird und sich die Kirschen gesund entwickeln können. Erfreulicherweise sind für diese Woche in weiten Teilen der Region weitere vereinzelte Niederschläge vorhergesagt.
Gleichzeitig ist die Ernte 2025/2026 in Honduras weitgehend abgeschlossen. Lediglich in höheren Lagen stehen noch kleinere Mengen zur Pflückung an. Die Verfügbarkeit von Kaffee ist inzwischen sehr begrenzt, da Farmer und Produzenten den Großteil ihrer Ware bereits disponiert haben und nun bestehende Verpflichtungen erfüllen. Die Exportzahlen haben sich im Vergleich zum Vorjahr verbessert, und Farmer, Kooperativen sowie Exporteure sind bemüht, vom hohen Preisniveau zu profitieren und den Kaffee zügig in Richtung Hafen zu bewegen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Guatemala und Costa Rica: Auch dort ist die Ernte abgeschlossen, und es kommt nun kein Kaffee mehr auf den Markt. In Nicaragua wurde bereits eine frühe Blüte gemeldet, was einen positiven Ausblick auf die kommende Ernte erlaubt. In El Salvador ist zwar noch etwas Kaffee verfügbar, doch wie im übrigen Teil der Region sind die Bestände auch dort nahezu ausverkauft.
Die lokalen Preise bleiben derweil hoch, getragen von der knapper werdenden Verfügbarkeit.
An den wichtigen Häfen Zentralamerikas laufen die Abläufe derzeit normal.
























Urs zusammen mit Niklas, unserem Head of Spot Sales, auf dem Swiss Coffee festival 2025.

























Training zum Stumping und Kompostieren


































Nicht-EU-Markt (Kaffee-Ursprungsländer):






















