Allgemeine Kaffeenews
Von Philip von der Goltz
Hier in Hamburg wird wieder überall gebaut. Heute Morgen stand ich – mal wieder – im Stau. Zuerst auf der Autobahn, dann auf der Hauptstraße Richtung Innenstadt und dann ... als hätte der klassische Engpass an einer Baustelle nicht schon gereicht, war genau dort, wo sich die verbliebenen Spuren zu einer verengen, auch noch ein Auto liegen geblieben. Bauarbeiter in orangefarbenen Westen und gelben Helmen rissen die Straße auf, während sich die Autos Stoßstange an Stoßstange vorbeiquetschten – eines nach dem anderen.
Irgendwo zwischen Kupplung, Bremse und leicht steigender Gereiztheit fühlte ich mich kurz wie in der Anfangsszene von „Falling Down – Ein ganz normaler Tag" mit Michael Douglas.
Ein banaler Moment – und doch eine erstaunlich treffende Metapher. Denn genau so kann es bei globalen Lieferketten passieren.
Engpässe gibt es schon lange – nicht nur auf Straßen, sondern vor allem im globalen Maßstab. In Krisenzeiten können sie systemische Schocks in Supply-Chains auslösen. Und diese Störungen haben viele Gesichter.
Manchmal ist es die Natur. Der Tsunami im Indischen Ozean 2004 zerstörte Infrastruktur und Häfen in der gesamten Region. 2010 legte der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull den europäischen Luftverkehr lahm. Und in den letzten Jahren führten extrem niedrige Wasserstände im Panamakanal dazu, dass deutlich weniger Schiffe passieren konnten.
Manchmal ist es menschliches Versagen. 2021 blockierte ein einziges Containerschiff – die Ever Given – den Suezkanal und legte eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt für sechs Tage lahm. Rund 12 Prozent des globalen Handels waren betroffen.
Manchmal sind es Piraterie oder asymmetrische Konflikte. Kaum jemand hätte gedacht, dass moderne Piraterie noch einmal eine Rolle spielen würde – und doch kaperten somalische Piraten zwischen 2014 und 2016 gezielt Schiffe im Roten Meer. In den letzten Jahren hat sich die Lage durch Angriffe der Huthi-Rebellen aus dem Jemen weiter verschärft.
Manchmal sind es Pandemien. Wir alle erinnern uns an das logistische Chaos während COVID-19: geschlossene Häfen, explodierende Frachtraten, Hamsterkäufe. Ein einziges Chaos.
Am häufigsten jedoch entstehen Engpässe durch Kriege. Von der Ölkrise 1973 und dem OPEC-Embargo über den Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre – in dem die Straße von Hormus erstmals als kritisches Nadelöhr sichtbar wurde – bis hin zum Golfkrieg, in dem zentrale Handelsrouten militärisch gesichert werden mussten. Und heute wieder: die Eskalation zwischen den USA, Israel und Iran. Aktuell sollen rund 200 Schiffe an diesem Nadelöhr feststecken, etwa 20 Prozent der globalen Ölströme sind betroffen.
Was wir lokal als Stau erleben, wird global als „Chokepoint" bezeichnet: ein geografischer Engpass, durch den ganze Warenströme hindurchmüssen. Und genau wie im morgendlichen Stau reicht eine einzige Störung, um ein gesamtes System auszubremsen.
Diese Störungen treten immer wieder auf – durch Naturgewalten, durch einfache menschliche Fehler, durch Konflikte oder systemische Schocks. Doch das Muster bleibt gleich.
Das eigentliche Problem ist nicht die Existenz von Engpässen, sondern die Art und Weise, wie wir unsere Lieferketten gebaut haben. Maximale Effizienz durch Just-in-Time-Logistik hat die Weltwirtschaft schnell und kostengünstig gemacht – aber auch erstaunlich fragil. Risiken wie Klimawandel, geopolitische Spannungen und asymmetrische Konflikte machen diese Verwundbarkeit zunehmend sichtbar. Wird eine der Arterien der globalen Wirtschaft blockiert, baut sich Druck im gesamten System auf.
Für den Kaffeemarkt hat das ganz konkrete Folgen. Logistik ist heute einer der wichtigsten Preistreiber – direkt hinter Wetter und Zinsen. Die Effekte treten selten sofort auf, aber sie hängen eng zusammen: Steigende Energiepreise erhöhen Transportkosten. Längere Transportwege binden Kapital. Wirtschaftliche Unsicherheit schlägt direkt auf Preise durch.
Diese Dynamiken zeigen sich meist zeitverzögert an den Kaffeebörsen in New York und London. In der vergangenen Woche wurde die Preisbewegung bei Arabica vor allem von technischen Faktoren bestimmt: Die Volatilität ist zurück, ein klarer Trend jedoch nicht erkennbar. New York bewegte sich um 2,6% nach unten und schloss am Freitag bei 301,70 c/lb.
Robusta zeigte ein differenzierteres Bild mit einer engen Schwankungsbreite um die 3.600 USD/MT. Der Mai-26-Kontrakt (RMK26) beendete die Woche bei 3.593 USD/MT, ebenfalls um ein Minus von 1,9 % verändert.
Fundamental zeichnet sich derzeit ein eher entspannendes Bild ab: Brasilien meldet sehr gute Ernteaussichten, Vietnam hat eine starke Ernte abgeschlossen, und lediglich Kolumbien könnte kurzfristig durch übermäßige Niederschläge unter Druck geraten. Der Rest der produzierenden Welt blickt vergleichsweise zuversichtlich nach vorn. Für die zweite Jahreshälfte wird ein Angebotsüberschuss erwartet, der zur Wiederauffüllung der Lager beitragen dürfte.
Und dennoch bleibt ein entscheidender Punkt: Angebot zählt nur dann, wenn es auch tatsächlich an der Börse oder in der Rösterei ankommt.
Versagt die Logistik, wird selbst die beste Ernte irrelevant. Und damit sind wir wieder bei meinem morgendlichen Stau.
Röster, die aktuell über eine Abdeckung von drei bis vier Monaten verfügen, sollten sich in einer komfortablen Position befinden. Alternativ ist die Verfügbarkeit von Kaffees für Blends entscheidend, da sie ein hohes Maß an Flexibilität ermöglicht. So kann zwischen Qualitäten gewechselt werden, ohne das Tassenprofil des Endprodukts wesentlich zu verändern. Gleichzeitig schafft diese Flexibilität Spielraum, um auf Preisschwankungen zu reagieren.
Single-Origin-, Single-Estate- oder sehr spezifische Qualitäten machen diese Anpassung deutlich schwieriger. Die gezielte Modulation von Blends und die Anpassung von Rezepturen sind daher eine strategisch kluge Lösung.
Der nächste Engpass wird keine Überraschung sein – er wird einfach schneller eintreten, als man erwartet. Wenn man früher ein Mindestbestand im Lager erreicht hat, so löste das oft den Neukauf aus. Für die Zukunft allerdings wird das Anlegen strategischer Reserven neu gedacht werden müssen.

Nachrichten aus den Ursprungsländern: Äthiopien, Kenia, Tansania, Ruanda, Uganda
Äthiopien
Äthiopien befindet sich derzeit in seiner kurzen Regenzeit, die lokal als Belg bekannt ist. In der vergangenen Woche kam es in den wichtigsten Kaffeeanbaugebieten zu Regenfällen und Gewittern; ähnliche Bedingungen dürften anhalten. Diese Niederschläge sind entscheidend für das Blühfenster der kommenden Ernte 2026/2027.
Zugleich treibt Äthiopien die Anerkennung seiner Kaffeezeremonie als immaterielles UNESCO-Kulturerbe voran. Die Tradition, deren Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen, ist seit über 1.000 Jahren fester Bestandteil äthiopischer Gastfreundschaft und Kultur. Sollte der Antrag erfolgreich sein, würde die äthiopische Kaffeezeremonie in eine Reihe mit dem türkischen Kaffee treten, der bereits als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt ist. Eine solche Auszeichnung würde Äthiopiens Kaffee-Erbe und seinen weltweiten Ruf weiter stärken und sowohl die historische Bedeutung als auch den kulturellen Wert des Kaffees hervorheben.
Der Kaffeefluss aus dem Landesinneren nach Addis Abeba verläuft derzeit weitgehend reibungslos und mit nur wenigen Unterbrechungen. Die Dry Mills arbeiten auf Hochtouren, um Kaffee für den Export vorzubereiten. Gleichzeitig füllen sich die Lagerhäuser zunehmend – begünstigt durch eine Kombination aus unzureichender Containerverfügbarkeit und einer noch nicht gesicherten Nachfrage aus wichtigen Märkten wie Saudi-Arabien.
Die angepassten Mindestpreise dürften das Interesse internationaler Käufer wieder stärker beleben.
Logistisch bleibt die Lage jedoch herausfordernd: Die Umleitungen im Schiffsverkehr über das Rote Meer begrenzen weiterhin die Containerverfügbarkeit in Dschibuti und führen zu längeren Transitzeiten sowie höheren Frachtkosten. Hinzu kommt, dass Reedereien Abfahrten teils sehr kurzfristig verschieben oder ganz streichen. Umleitungen über das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika sind derzeit die einzige praktikable Alternative.
Kenia
Im zentralen Kaffeehochland Kenias – darunter Regionen wie Nyeri, Kirinyaga und Meru – bleibt das Wetter weiterhin nass, mit anhaltenden Niederschlägen. Diese Regenfälle unterstützen sowohl die Ausreifung der Fly Crop als auch die Blüte der Hauptcrop.
Der Kaffeefluss nach Nairobi nimmt ab, wie es gegen Ende der Haupternte typisch ist. Gleichzeitig lässt auch die Qualität nach, da sich die Angebote zunehmend in Richtung niedrigerer Grade verschieben. Die Auktionspreise bleiben jedoch fest, gestützt von einer weiterhin starken Nachfrage.
Auch logistisch bleibt die Lage schwierig: Der Hafen von Mombasa arbeitet weiterhin in langsamem Tempo, und die Reedereien überraschen unsere Logistikteams immer wieder mit neuen Streichungen. Keine einfache Route in diesen Tagen.
Tansania
In Tansania hat die Saison der langen Regenfälle offiziell begonnen und bringt landesweit schwere, feuchte Wetterbedingungen mit sich. In der vergangenen Woche verzeichneten Mbeya und Mbinga anhaltende Niederschläge mit häufigen Gewittern am Nachmittag, während die Regionen rund um Mount Meru und den Kilimandscharo vergleichsweise trockener blieben.
Die stetigen Regenfälle unterstützen die Reifung der Kaffeekirschen. Die Arabica-Ernte beginnt üblicherweise im Juni, die Robusta-Ernte etwa im Mai. Insgesamt entwickelt sich die Ernte 2026/2027 sowohl bei Arabica als auch bei Robusta positiv, was auf höhere Volumina in der kommenden Saison hindeuten könnte.
Gleichzeitig halten Kaffeebauern und lokale Händler ihre Bestände weiterhin zurück und geben den Kaffee nur strategisch in den Markt.
Die Abläufe im Hafen von Daressalam bleiben langsam und ähneln stark der Situation in Mombasa und Dschibuti. Verzögerungen sind derzeit leider kaum zu vermeiden.
Uganda
In Uganda war das Wetter in der vergangenen Woche sehr ähnlich wie in Tansania, da sich die langen Regenfälle (März bis Mai) über die Region ausbreiteten. In den wichtigsten Kaffeeanbaugebieten war die Woche geprägt von kräftigen Schauern am Nachmittag – Bedingungen, die voraussichtlich auch in dieser Woche anhalten werden. Für die Reifung der Kaffeekirschen ist das überwiegend positiv, zugleich verlangsamt es jedoch die Trocknung des Kaffees.
Währenddessen schreiten die Ernteaktivitäten im Westen des Landes gut voran.
Ruanda
Auch Ruanda verzeichnete zuletzt regnerische Tage, und ähnliche Bedingungen dürften sich in dieser Woche fortsetzen.
Bauern und Washing Stations arbeiten weiterhin unter Hochdruck, während die Ernte voranschreitet. Der Regen erschwert die Trocknung in der Sonne und verlangt ein noch sorgfältigeres Management in den Washing Stations. Insgesamt wird die Ernte 2026 in Ruanda in dieser Saison leicht niedriger eingeschätzt. Die Qualität dürfte jedoch weiterhin stark bleiben.
Die Cherry-Preise bleiben hoch und werden durch eine stabile Nachfrage gestützt.
Roh-Kaffee Produktionsmengen: Ost-Afrika





















Urs zusammen mit Niklas, unserem Head of Spot Sales, auf dem Swiss Coffee festival 2025.

























Training zum Stumping und Kompostieren


































Nicht-EU-Markt (Kaffee-Ursprungsländer):






















