Allgemeine Kaffeenews
Von Philip von der Goltz
Frohe Ostern! Als ich neulich noch schnell im Supermarkt um die Ecke Schokolade für unser Familientreffen besorgen wollte, sprang mir an der Kasse etwas ins Auge: Osterhasen von Milka, Lindt und Co. sind teils über 29 % teurer als noch vor einem Jahr. Der Sekt in meinem Einkaufswagen wirkte dagegen plötzlich fast günstig. Und das, obwohl die internationalen Kakaopreise seit ihrem Rekordhoch von 12.500 USD/MT um mehr als 75 % gefallen sind.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Preis selbst, sondern auch, wie schnell wir uns an solche Preisniveaus gewöhnen. Anfangs wird noch gemeckert. Vielleicht greift man, wenn möglich, zur günstigeren Alternative. Aber neue, höhere Preise setzen sich oft erstaunlich schnell fest – und irgendwann wird eben doch zu diesem Preis gekauft. Ganz ähnlich ist es heute bei Benzin und Diesel: Vielleicht fährt man etwas bewusster, lässt die eine oder andere unnötige Fahrt weg. Aber am Ende zahlt man die höheren Preise eben doch. Und nach einer Weile fühlt sich selbst das, was anfangs noch schmerzhaft wirkte, plötzlich ganz normal an.
Warum ist das so?
Psychologisch zeigt sich hier, wie schnell wir uns an neue Realitäten anpassen – nicht nur bei Preisen, sondern auch bei Einkommen, Lebensstandard und Konsumgewohnheiten. Was zunächst wie eine Belastung oder umgekehrt wie ein Zugewinn wirkt, verliert nach und nach seine emotionale Schärfe. Die neue Situation wird normal.
Ein Teil dieses Mechanismus lässt sich durch den sogenannten Ankereffekt erklären. Unbewusst orientieren wir uns an einem Referenzpunkt – gewissermaßen an einem inneren Vergleichspreis. Kostet ein Produkt gestern noch 9,50 EUR und heute 11,50 EUR, wirkt dieser neue Preis zunächst falsch oder überzogen. Bleibt er jedoch eine Zeit lang bestehen, verschiebt sich der Anker. Und plötzlich fühlen sich 11,50 EUR ganz normal an.
Auch die Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Je länger der ursprüngliche Preissprung zurückliegt, desto geringer wird die innere Reibung. Schritt für Schritt wird die Abweichung vom alten Normalzustand zum neuen Standard. NASA-Forscher haben ein ähnliches Phänomen als „normalization of deviance" beschrieben: Kleine, schrittweise Veränderungen werden irgendwann nicht mehr als Abweichung wahrgenommen, sondern als vollkommen normal.
Ein sehr ähnliches Muster sehen wir auch in der Kaffeeindustrie.
Die Preise für Rohkaffee bewegen sich nun seit rund drei Jahren auf Rekordniveau. Im Februar und Oktober 2025 wurden neue Allzeithochs von über 430 c/lb erreicht. Und dennoch sprechen heute viele bereits von Entlastung – obwohl Arabica in New York immer noch um die 300 c/lb notiert. Der historische Durchschnitt liegt eher im Bereich von 120 bis 140 c/lb. Allein das zeigt, wie schnell selbst extreme Preisniveaus in der Wahrnehmung sich „normalisieren".
Historisch betrachtet ist das durchaus bemerkenswert. Seit Beginn der Preisaufzeichnungen an der New Yorker Kaffeebörse gab es nur wenige Phasen, in denen ein derart hohes Preisniveau erreicht wurde – nennenswert etwa im April 1977, im Mai 1997 und im Mai 2011. Noch auffälliger ist, dass Notierungen oberhalb der Marke von 300 c/lb in der Vergangenheit meist nur von kurzer Dauer waren. Im aktuellen Zyklus hingegen hält sich der Markt seit November 2024 weitgehend oberhalb dieses Niveaus. Ja, es gab zwischenzeitliche Rücksetzer – etwa im Juli und August 2025 sowie erneut im Februar und März dieses Jahres, als die Preise kurzzeitig knapp unter 300 c/lb fielen. Doch das größere Bild bleibt angespannt. Der Markt ist nach wie vor invertiert und wirkt strukturell weiterhin fest.
Das zeigte sich auch in der vergangenen Woche. In einer verkürzten Handelswoche pendelten die Arabica-Preise um die Marke von 300 c/lb und schlossen schließlich mit einem leichten Minus von 2,1 % bei 295,40 c/lb. In London gaben die Robusta-Preise am Montag zunächst nach und verhielten sich anschließend ähnlich wie in New York. Nach ebenfalls kurzer Handelswoche schloss der Mai-26-Kontrakt am Freitag mit einem Minus von 4 % bei 3.448 USD/MT.
Was bedeutet das nun ganz praktisch für Röster?
Erstens: Timing matters. Ein einzelner großer Preissprung erzeugt oft erheblichen Widerstand beim Kunden. Mehrere kleinere Anpassungen, klar und nachvollziehbar kommuniziert, werden in der Regel leichter akzeptiert. Nicht, weil sie objektiv angenehmer wären – sondern weil sie psychologisch weniger abrupt wirken.
Zweitens: Transparenz hilft. Das hohe Preisniveau ist real. Und genau so sollte es auch gegenüber dem Endverbraucher kommuniziert werden. Rohkaffee handelt weiterhin auf historisch extremen Niveaus. Gleichzeitig gibt es bislang keine klaren Anzeichen für eine schnelle und nachhaltige Entspannung am Markt. Die gute brasilianische Ernte dürfte sich erst später, in der zweiten Jahreshälfte, deutlicher im physischen Markt bemerkbar machen. Bis dahin dürfte das Angebot knapp bleiben. Hinzu kommt anhaltender logistischer Stress, insbesondere bei Verschiffungen aus Ostafrika.
Drittens: Kontext verkauft den Preis mit. Endverbraucher akzeptieren höhere Preise deutlich eher, wenn sie verstehen, dass diese nicht Ausdruck willkürlicher Margenausweitung sind, sondern das Ergebnis realer Marktbedingungen: knappe Verfügbarkeit, hohe Börsenpreise, logistische Herausforderungen und anhaltende Unsicherheit auf der Angebotsseite.
Und was kann man sonst noch tun?
Ich werde in den kommenden Tagen wohl wieder etwas häufiger aufs Fahrrad steigen. Das Frühlingswetter lädt geradezu dazu ein – nicht nur, um die Belastung durch hohe Benzinpreise im Haushaltsbudget etwas abzufedern, sondern auch, um wenigstens einen Teil der zusätzlichen Osterkalorien von Schokohasen und Co. wieder loszuwerden. Und – sollte die Preisentwicklung so bleiben - gibt es dann zum nächsten Osterfest mehr Sekt als Schokolade.
In der folgenden Übersichtstabelle haben wir die wichtigsten Informationen zum Kaffeemarkt aktualisiert:

Nachrichten aus dem Ursprungsländern: Vietnam, Indonesien, Indien, Papua-Neuguinea
Vietnam
Die Wetterbedingungen in Vietnam sind weiterhin durchgehend warm und weitgehend trocken. Dieses Muster dürfte sich auch im Laufe der Woche fortsetzen, mit Temperaturen von bis zu 38 °C sowohl im Norden als auch im Süden des Landes.
Gleichzeitig ist die Robusta-Ernte in Vietnam inzwischen abgeschlossen.
Die Schließung der Straße von Hormus wirkt sich auf die Produzenten aus, da gestiegene Kosten für Treibstoff und Düngemittel die Produktionskosten langsam aber sicher erhöhen. Als Reaktion halten viele Farmer ihre Kaffeebestände zurück, in der Hoffnung, die höheren Kosten durch Verkäufe zu besseren Preisen auszugleichen.
Im Hafen von Ho-Chi-Minh-Stadt laufen die Abläufe weiterhin schleppend, und es werden erhebliche Versandverzögerungen gemeldet.
Indonesien
Indonesien wurde zu Monatsbeginn von einem Erdbeben der Stärke 7,4 getroffen. Das Beben löste nicht nur für Indonesien, sondern auch für die Philippinen und Malaysia Tsunamiwarnungen aus. Glücklicherweise wurden diese Warnungen inzwischen wieder aufgehoben.
Wetterseitig herrschen in weiten Teilen des Archipels derzeit nasse Bedingungen, insbesondere auf Java und Sumatra. Gleichzeitig hat die staatliche Forschungs- und Innovationsagentur BRIN vor einer starken El-Niño-Phase gewarnt, die in diesem Jahr voraussichtlich von April bis Oktober eine verlängerte und ungleichmäßige Trockenzeit mit sich bringen wird.
Die Verfügbarkeit von Kaffee bleibt begrenzt, und die Preise zeigen sich weiterhin volatil.
Aus dem Hafen von Lampung gibt es keine neuen Meldungen.
Indien
Indien befindet sich derzeit in der Sommersaison, noch vor Beginn der jährlichen Monsunzeit, die üblicherweise um den Juni herum einsetzt. Prognosen deuten darauf hin, dass das Land in diesem Jahr einen schwächeren Monsun erleben könnte, da das El-Niño-Wettermuster die Niederschläge zwischen Juni und September verringern könnte.
Aktuell herrschen in Kerala und Tamil Nadu sonnige Bedingungen mit vereinzelten Niederschlägen, während Karnataka voraussichtlich wärmer und trockener bleiben wird, mit Temperaturen von bis zu 35 °C.
Mit Blick auf Kaffee ist die Robusta-Ernte in Indien weitgehend abgeschlossen. Es kommen gute Kaffeemengen auf den Markt, und die Verfügbarkeit stellt derzeit kein Problem dar.
Aus den Häfen Cochin und Mangalore gibt es keine nennenswerten Neuigkeiten.
Papua-Neuguinea
Aus Papua-Neuguinea werden anhaltend starke Niederschläge gemeldet, und es ist davon auszugehen, dass sich die Wetterlage auch in dieser Woche nicht wesentlich verändert.
Am Kaffeemarkt ist derzeit wenig Bewegung zu beobachten. Die Farmer bereiten sich aktuell auf die bevorstehende Haupternte vor, die im Mai beginnen und voraussichtlich bis etwa September andauern soll.
Produktionsstatistik Asien Pazifik






















Urs zusammen mit Niklas, unserem Head of Spot Sales, auf dem Swiss Coffee festival 2025.

























Training zum Stumping und Kompostieren


































Nicht-EU-Markt (Kaffee-Ursprungsländer):






















