Von Philip von der Goltz
Rohkaffee-Muster treffen täglich bei uns im Büro ein. Angebote, Vorverschiffungsmuster, Ankunftsmuster. Sie werden erfasst, geöffnet und auf Schalen ausgebreitet. Bevor die eigentliche Qualitätskontrolle beginnt, nehme ich die Schale voller Bohnen in die Hand und stecke meine dicke Nase tief hinein.
Ich atme ein. Ich rieche. Wie ein Trüffelschwein.
Genau hier beginnt die Reise.
Plötzlich bin ich nicht mehr in Hamburg, sondern auf einer Trockenaufbereitungsanlage in Neiva, Kolumbien. Vor mir liegt ein Kaffee: Colombia Washed Arabica Excelso Huila, Los Hibiscos. Das Parchment wurde von Kleinbauern rund um Pitalito angeliefert, eingebettet zwischen den Gebirgszügen der Zentral- und Ostkordillere der Anden. Ich war dort bereits mehrfach. Die Fahrt von Neiva dauert etwa vier Stunden – und genau diese Reise verdeutlicht zwei wichtige Erkenntnisse, die ich heute mit euch teilen möchte.Um die erste zu verstehen, lernen wir Pablo Herrera kennen.
Pablo lebt mit seiner Familie auf einer drei Hektar großen Farm. Jeden Morgen steht er mit Sonnenaufgang auf, zieht seine Stiefel an und geht aufs Feld. Die feuchte Luft liegt auf seiner Haut. Mit einer Hacke gräbt er Pflanzlöcher für neue Setzlinge. Der dunkle Humus klebt an seinen Händen und sammelt sich unter den Fingernägeln.
Zwischen Mensch und Natur besteht hier eine unmittelbare Verbindung.Kaffee ist die wirtschaftliche Grundlage seiner Familie. Wirkliche legale Alternativen zu dieser hochwertigen Agrarkultur gibt es dort kaum. Pablo kennt die Volatilität des Marktes. Gleichzeitig weiß er aber auch, dass die aktuellen Preise außergewöhnlich attraktiv sind.Für ihn – und für viele seiner Nachbarn – ist die Entscheidung daher vollkommen logisch: Mehr Kaffeebäume bedeuten künftig mehr Kaffee. Mehr Kaffee bedeutet mehr Einkommen.
Und damit sind wir bei der ersten Erkenntnis: Pablo denkt linear. So wie die meisten Menschen. Doch die Kaffeepreise werden nicht in Kolumbien gemacht. Nicht in Peru. Nicht in Guatemala. Kleinbauern sind in der Regel reine Preisnehmer mit sehr geringer Verhandlungsmacht. Die eigentliche Preisbildung findet tausende Kilometer entfernt statt – weit weg von den lehmigen Berghängen der Anden.
Das führt zur zweiten Erkenntnis: Pablo kontrolliert deutlich weniger, als er glaubt.
Wo entstehen die Preise?
Dieser Frage sind wir bereits in einem früheren Blogbeitrag nachgegangen: „Woraus setzt sich der Kaffeepreis zusammen?" Wer tiefer eintaucht, stößt schnell auf einen der wichtigsten Preistreiber im Kaffeemarkt: die internationalen Kaffee-Terminbörsen.
Arabica wird überwiegend in New York gehandelt. Robusta in London. Dort treffen zwei große Gruppen von Marktteilnehmern aufeinander:
• kommerzielle beziehungsweise physische Marktteilnehmer
• nicht-kommerzielle beziehungsweise spekulative Marktteilnehmer
Zu den kommerziellen Akteuren gehören die bekannten internationalen Kaffeehäuser wie OFI, ECOM, Neumann, Volcafe, Louis Dreyfus oder Sucafina. Hinzu kommen große Kooperativen und Exporteure wie Brasiliens Cooxupé oder die Kolumbianische Federación Nacional de Cafeteros (FNC) sowie die großen Röstunternehmen wie Nestlé, Nespresso, JDE Peet's, Keurig Green Mountain oder Starbucks. Zusammen repräsentieren diese Akteure etwa 45 Prozent des gehandelten Volumens an den Terminbörsen.
Doch wenn die physische Kaffeewirtschaft nicht allein den Preis bestimmt: Wer bewegt dann die übrigen 55 Prozent? Wer besitzt die eigentlichen Kaffeemuskeln?
Die andere Seite des Marktes
Um die zweite Gruppe zu verstehen, müssen wir zunächst einen Schritt zurücktreten.
Kaffee gehört zur Kategorie der sogenannten Soft Commodities. Dazu zählen unter anderem Kakao, Zucker, Baumwolle, Holz und Orangensaftkonzentrat.

Der Arabica-Markt bewegte im vergangenen Jahr ein theoretisches Handelsvolumen von rund 4,3 Billionen US-Dollar.
Diese Zahl wirkt gewaltig. Gleichzeitig ist sie erstaunlich schwer öffentlich nachzulesen bzw. gar zu finden.
Für diese überschlägige Berechnung multiplizieren wir die Anzahl der gehandelten Kontrakte mit der Kontraktgröße und dem durchschnittlichen Futurespreis:
• Ein Coffee-C-Kontrakt umfasst 37.500 Pfund Kaffee.
• Im Jahr 2025 wurden rund 35 Millionen Kontrakte gehandelt.
• Der durchschnittliche Preis lag bei etwa 320 US-Cent pro Pfund.
Daraus ergibt sich:
37.500 × 35 Millionen × 3,20 US-Dollar ≈ 4,2 Billionen US-Dollar Nominalvolumen. Beeindruckend. Doch im Rohstoffgeschäft ist Perspektive alles.
Vergleicht man Kaffee mit anderen Märkten wie Öl, Gold oder Staatsanleihen, schrumpft diese gewaltige Zahl plötzlich beträchtlich.

Selbst nach der historischen Rallye der Jahre 2024 und 2025 bleibt Kaffee im Vergleich zu Energie-, Edelmetall- oder Anleihemärkten ein relativ kleiner Markt.
Und genau deshalb können Kapitalströme dort eine besonders starke Wirkung entfalten.
Wer sind die Spekulanten?
Die Gruppe der nicht-kommerziellen Marktteilnehmer lässt sich weiter unterteilen.
1. Commodity Trading Advisors (CTAs)
CTAs sind heute vermutlich die wichtigsten marginalen Preisbeweger im Kaffeemarkt. Sie arbeiten überwiegend mit Algorithmen und quantitativen Modellen. In vielen Fällen werden bis zu 90 Prozent aller Handelsentscheidungen automatisiert getroffen. CTAs handeln nicht nur Kaffee, sondern gleichzeitig Energie, Metalle, Agrarrohstoffe, Zinsen, Aktienindizes und Währungen.
Für sie spielen Fundamentaldaten häufig nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sind Trends. Steigt der Markt stark an, kaufen sie. Fällt er stark, verkaufen sie.
Die meisten dieser Unternehmen beschäftigen keine Kaffeehändler, die Wetterkarten aus Huila analysieren oder Ernteprognosen aus Brasilien studieren. Kaffee ist lediglich eines von vielen Signalen innerhalb eines hoch diversifizierten Modells. Beginnt ein Markt zu laufen, steigen sie häufig aggressiv ein – und verstärken dadurch die Bewegung.
2. Makro-Hedgefonds
Makro-Fonds setzen auf große wirtschaftliche Zusammenhänge.
Sie analysieren:
• den US-Dollar
• Inflation
• Zinsentwicklungen
• Schwellenländerwährungen
• Wetterrisiken
• geopolitische Konflikte
• Rohstoffzyklen
Kaffee wird dabei oft als Teil einer größeren makroökonomischen Geschichte gehandelt. Diese Akteure agieren meist selektiver und taktischer als CTAs.
3. Rohstoffspezialisierte Hedgefonds
Hier finden wir die wohl professionellsten Spekulanten innerhalb der Agrarmärkte. Viele verfügen über tiefes Fachwissen. Manche Fonds werden sogar von ehemaligen physischen Rohstoffhändlern geführt.
Sie analysieren:
• Wetterrisiken
• Erntestress
• Logistikengpässe
• Lagerbestände
• Arbitragemöglichkeiten
• Börsenspreads
• Differentials
Sie bewegen sich deutlich näher an der physischen Realität des Kaffeemarktes als andere Finanzinvestoren.
4. Indexfonds und passive Rohstoffinvestoren
Diese Gruppe spekuliert nicht im klassischen Sinn. Dazu gehören Pensionsfonds, institutionelle Anleger und ETFs, die Rohstoffe als Anlageklasse nutzen. Für viele dieser Investoren spielt Kaffee kaum eine Rolle. Er ist lediglich eine Position innerhalb eines breiten Rohstoffkorbs.
Vom Absicherungsinstrument zur Finanzanlage
Seit rund zwanzig Jahren dominiert das nicht-kommerzielle Kapital zunehmend die Preisbildung im Kaffeemarkt. Die enorme Kapitalstärke dieser Akteure kann starke und teilweise abrupte Preisbewegungen auslösen.
Liquidität verschwindet häufig schneller, als Händler und Röster reagieren können. CTAs können dabei selbstverstärkende Dynamiken erzeugen: Steigende Preise ziehen neue Käufer an, die wiederum für weitere Preissteigerungen sorgen.
Der Kaffeemarkt hat sich dadurch grundlegend verändert. Noch Anfang der 2000er Jahre wurde der Coffee-C-Markt vor allem von physischen Händlern und Hedgern geprägt. Heute ist er eine hybride Struktur. Er dient weiterhin der Absicherung physischer Risiken, gleichzeitig aber auch als Instrument makrofinanzieller Spekulation. Kaffee wird längst nicht mehr ausschließlich als Agrarprodukt betrachtet. Er hat sich zu einer eigenständigen Anlageklasse entwickelt.
Die großen Rallyes der Vergangenheit folgten dabei häufig einem ähnlichen Muster: Zunächst entsteht ein fundamentales Problem. Trockenheit. Frost. Logistikengpässe. Sinkende Lagerbestände.
Die Fundamentaldaten liefern die Geschichte. Anschließend fließt Finanzkapital in den Markt. Und dieses Kapital verstärkt die Bewegung erheblich.
Die Rallye der Jahre 2024 und 2025 zeigte diesen Mechanismus eindrucksvoll. Die physische Knappheit war der Auslöser. CTAs, Optionsmärkte und systematische Fonds wirkten anschließend wie ein Turbolader.
Die Fonds haben die Rallye nicht begonnen. Aber sie haben sie massiv beschleunigt.
Zurück zu Pablo
Während Pablo Herrera seinen Arbeitstag beendet, schieben Händler, Algorithmen und Quant-Modelle in New York, London, Chicago oder Singapur die Preise in die eine oder andere Richtung.
Pablo sitzt vielleicht gerade vor seinem Haus. Die Stiefel sind voller Schlamm. Die Hände gezeichnet von der Arbeit. Vor ihm steht eine Tasse frisch gerösteter Kaffee. Vielleicht die beste Tasse, die man überhaupt trinken kann. Mit Blick auf die Berge. Mitten in der Natur.
Die Händler und Quants dieser Welt werden eine solche Tasse in ihren Hochhausbüros vermutlich nie genießen. Und dennoch haben sie einen enormen Einfluss auf Pablos Leben. Wahrscheinlich einen deutlich größeren, als ihm bewusst ist.

























Urs zusammen mit Niklas, unserem Head of Spot Sales, auf dem Swiss Coffee festival 2025.


























Training zum Stumping und Kompostieren


































Nicht-EU-Markt (Kaffee-Ursprungsländer):






















